Die Wookiepedia-isierung des Mad-Max-Universums: Furiosa: A Mad Max Saga

Vielleicht ist Furiosa George Millers one for them. Die Sorte Film, die man macht, wenn man vermeiden will, aus Hollywood exkommuniziert zu werden, nachdem man zuerst Mad Max: Fury Road und dann den unvermarktbaren Three Thousand Years of Longing gemacht hat. Das würde erklären, warum Furiosa ein Film der Kompromisse ist: zwischen dem visuellen, kinetischen, nahezu wortlosen Erzählen des Vorgängers und dem konventionelleren alles-muss-ausbuchstabiert-werden Erzähltemplate des aktuellen Blockbuster-Kinos; zwischen den praktischen Effekten und on-location Stunts, für die die Reihe bekannt ist, und der mittels Greenscreen und CGI realisierten Action moderner Studio-Franchises.

George Miller erzählt die Geschichte des Films natürlich anders: Die Idee eines Prequels entstand während der Arbeit an Fury Road, das Drehbuch schrieben Miller und Co-Autor Nick Lauthoris basierend auf der Backstory, die sie sich damals für die Figur von Imperator Furiosa überlegt hatten, und eine erste Fassung war schon vor Drehbeginn von Fury Road fertig. Ursprünglich sollten beide Filme back-to-back realisiert werden. Miller begann ja auch schon früh, öffentlich über ein mögliches Spin-off über Furiosa zu reden.

Das macht insofern Sinn, als dass Furiosa die Art Hintergrundgeschichte erzählt, die sicher irgendwie nützlich ist für Autor*innen und Schauspieler*innen, um ihre Charaktere besser zu verstehen, aber mit der man jetzt nicht unbedingt das Publikum belasten muss. Die Art Geschichte, die George Miller in der Vergangenheit auf ein, zwei Bilder runtergebrochen hätte. Erinnert ihr euch an diese flashbackartig aufblitzenden Visionen, die Max in Fury Road hatte, von einem jungen Mädchen, das überfahren wird, das nach Max’ Hilfe ruft? Erinnert ihr euch, wie wir damals spekuliert haben, wer diese Figur sein soll, an deren Tod Max sich da erinnert (Max’ Kind? Aber damals, im ersten Mad Max, hatte Max keine Tochter, sondern einen Sohn, der auch noch viel jünger war als dieses Kind und anders gestorben ist)? Erinnert ihr euch, wie wir uns damals alle irgendwie geeinigt haben, dass es am Ende egal ist, wer genau diese Figur ist, dass das wichtige die Emotion ist, die in diesen sekundenkurzen Bildern transportiert wird, dass die Offenheit vielleicht sogar zum mythenhaften Charakter der Figur Max Rockatansky und des Mad-Max-Universums beiträgt? Gerade angesichts der Wookiepedia-isierung filmischen Erzählens, der Tendenz aktuellen Blockbuster-Kinos, jeder egalen Nebenfigur eine Backstory geben, jedes Motiv erklären zu müssen, ist Fury Roads Verweigerung solcher Erklärungen erfrischend.

Aber wusstet ihr auch, dass es eine Erklärung gibt? Vertigo veröffentlichte eine vierteilige Comic-Reihe zu Fury Road, geschrieben von Miller, Lathouris und Mark Sexton, die die Vorgeschichte zu einigen Figuren des Films erzählt. Unter anderem füllt sie die Lücke zwischen Mad Max: Beyond Thunderdome und Fury Road, und erklärt dabei, woran Max sich in seinen Fury-Road-Flashbacks erinnert. Ich werde das hier nicht wiedergeben, denn die Antwort ist, erwartungsgemäß, uninteressant. Sie fügt den Flashbacks emotional nichts hinzu, sie ist weder sonderlich überraschend noch befriedigend, und sie beendet jegliche Spekulation in interessantere Richtungen. Es war eine brillante Entscheidung Millers, die Erklärung aus Fury Road zu lassen und Max’ jüngere Backstory auf einzelne Bilder zu reduzieren.

Man ahnt, worauf ich hinauswill: In Furiosa lässt Miller die Erklärung nicht weg. Hier hat jedes Bild eine auserzählte Geschichte, und das nimmt Millers Welt einiges ihrer Magie, und dem Film an Tempo.

Es ist eine Sache, dass Furiosa einiges ausbuchstabiert, das in Fury Road nur angedeutet war. Das ist halt irgendwie das Wesen eines Prequels — ich bin kein Fan davon, aber wusste, worauf ich mich einlasse. Furiosa geht ins Detail über die Welt von Fury Road, erklärt ausführlich die Verhältnisse zwischen den drei »Fortresses of the Wasteland«: die von Immortan Joe geführte Citadelle, Benzinlieferant Gastown, und die Bullet Farm. »Mehr Information« bedeutet aber nicht zwangsweise »interessanter«, und die Welt von Furiosa wirkt eher kleiner als die von Fury Road, obwohl, oder weil, wir mehr über sie wissen, sie detaillierter ausgearbeitet ist. Es war immer eine Stärke der Mad-Max-Filme, dass sie sich auf einen winzigen Teil der postapokalyptischen Welt konzentrierten, und auch diesen nur insoweit ausarbeiteten, als dass er für Max von Bedeutung war. Darüber arbeiteten sie in Andeutungen und Mutmaßungen, und das ließ uns glauben, dass da noch viel mehr war, die Welt viel größer als das, was wir von ihr zu sehen bekamen. Furiosas detaillierteres, expliziteres Worldbuilding gibt uns dagegen das Gefühl, die Welt des Films weitestgehend gesehen und verstanden zu haben — viel mehr als diese drei »Festungen« ist da nicht, hat man den Eindruck. Wie die allermeisten Prequels spricht Furiosa also aus, was nicht hätte ausgesprochen werden müssen, fügt seinem Vorgänger also nichts hinzu, sondern nimmt ihm etwas, Spielraum für Fantasie und Interpretation.

Eine andere Sache, und nochmal deutlich frustrierender, ist dass Miller auch innerhalb von Furiosa selbst ausbuchstabiert, was er früher angedeutet hätte, dass Furiosa, wenn man so will, auch gleich sein eigenes Prequel ist. Der Film beginnt in Furiosas Kindheit, und gut die erste Stunde des Films erzählt, wie Furiosa (Alyla Browne, später Anya Taylor-Joy) als Kind aus dem in Fury Road erwähnten, quasi-paradiesischen »Green Place« entführt wird, zuerst in die Fänge des sadistischen, etwas debilen Dementus (Chris Hemworth, der Bradley Coopers falsche Nase aus Maestro aufträgt) gerät, und später in Immortan Joes (Lachy Hulme übernimmt die Rolle vom 2020 verstorbenen Hugh Keays-Byrne) Citadel ankommt. Dieser Teil des Films, knapp die erste Hälfte, ist, Entschuldigung, sterbenslangweilig. Mir ist grundsätzlich egal, dass wir schon »wissen, wie es ausgeht«, das Problem ist ein anderes: Furiosa (die Figur) erhält über all diese Erzählzeit keine neuen Dimensionen, wir kennen sie am Ende nicht besser als vorher. Wir wussten, dass Furiosa eine toughe Überlebenskünstlerin ist, und diese lange Episode sagt uns: Das war sie schon immer. Wir wussten, dass Furiosa von Verlust, von der sprichwörtlichen »Vertreibung aus dem Paradies« gezeichnet ist, und dieser Prolog bestätigt das und breitet es episch aus, aber fügt emotional keine Facette hinzu. In der einen, kurzen Szene in der Mitte von Fury Road, in der Furiosa auf die Überlebenden der »Vuvalini« trifft und lernt, was aus dem »Green Place« geworden ist, hat Miller mehr über diese Figur und die Welt, aus der sie kommt, erzählt, uns ein facettenreicheres Bild davon gegeben, was sie antreibt, als in dieser ganzen ersten Stunde von Furiosa.

Das einzige an diesem Teil des Films, das sich nicht wie eine unnötige Ausbreitung von Material anfühlt, das Fury Road eleganter, ökonomischer und effektiver verarbeitet hat, ist die Einführung von Dementus, dem Villain des Films. Leider wirkt Dementus in dieser ersten Hälfte wie der uninteressanteste Villain der Reihe. Hemsworth spielt wie jemand, der zu viel mit Taika Waititi rumgehangen hat nunmal so spielt — alberne Grimassen, stupide Witzeleien —, sodass Dementus eher nervt als dass er Furcht einflößen oder faszinieren würde. Die Gruppe von Banditen, die er anführt, ist seltsam generisch verglichen mit denen, die wir aus den Vorgängern kennen: Von Immortan Joes Kult über Aunty Entitys Brot-und-Spiele-Gesellschaft bis zu Lord Humungus’ Fetischkriegern hatten die Gruppierungen, gegen die Max und seine Verbündeten antraten, stets eine eigene Identität, etwas, das sie vereinte, oder wenigstens die Andeutung davon. Dementus’ Gefolgschaft ist, von ein, zwei netten, aber alleinstehenden konzeptionellen oder visuellen Ideen (wie Dementus’ von drei Motorrädern gezogener Streitwagen) abgesehen, einfach »eine weitere Gang des Wastelands«. Was halt die Frage nur unterstreicht, warum wir soviel Zeit mit ihnen verbringen müssen.

Nachdem Furiosa dann bei Immortan Joe angelangt ist — Dementus nimmt Gastown ein, tauscht er sie mit Joe gegen Ressourcen —, nachdem sie aus dem Bunker, in dem Joe seine Frauen gefangen hält, entkommen ist und sich, als Mann verkleidet, als Mechanikerin etabliert hat, schaltet der Film endlich in eine andere Gangart. Furiosa fährt auf dem War Rig von Praetorian Jack (Tom Burke) mit, quasi in der Rolle, die R2D2 in Luke Skywalkers X-Wing hatte. Von dem Moment an, in dem das War Rig endlich auf der Straße ist, ist Furiosa ein anderer, aufregenderer Film. Die erste große Actionsequenz, eine klassische Miller’sche Straßenschlacht, könnte ein Outtake aus Fury Road sein, und von da anzieht das Tempo an. Furiosa gewinnt Jacks Respekt und er hilft ihr, in die Position zu gelangen, die sie in Fury Road hatte, die es ihr ermöglichen soll, eines Tages zu ihrem Green Place zurückzukehren. Währenddessen arbeitet Dementus daran, die Kontrolle über die beiden übrigen Festungen des Wastelands zu erlangen. Das ganze gipfelt im Krieg zwischen ihm und Immortan Joe, und natürlich läuft es am Ende auf eine Konfrontation zwischen Furiosa und Dementus heraus.

Das ironische ist, dass diese zweite Hälfte des Films nicht nur actionreicher ist, sondern auch erzählerisch interessanter. Miller ist hier wieder in seinem Element, und kehrt zumindest ein Stück weit zurück zu der ökonomischen, beiläufigen Charakterentwicklung und Worldbuilding von Fury Road. Die Beziehung zwischen Furiosa und Jack etwa: ein Echo von der zwischen Max und Furiosa in Fury Road, aber auch eine Mentor-Beziehung, vielleicht, wenn man es so lesen will, auch eine romantische. Sie scheint gerade deshalb so facettenreich, weil Miller hier nicht erklärt, nicht benennt, weil er uns Raum für eigene Lesarten lässt. Selbst Dementus gewinnt in dieser zweiten Hälfte sowas ähnliches wie Tiefe, offenbart sowas wie eine Ideologie. Leider fühlt es sich nicht an wie der Payoff zur ersten Hälfte, im Gegenteil, es unterstreicht eher, was für eine Zeitverschwendung weite Teile dieser waren, wenn Miller hier in ein paar beiläufigen Dialogzeilen und Reaktionen soviel mehr erzählen kann.

Dennoch versöhnt die zweite Hälfte ein Stück weit mit dem Film. Niemand inszeniert Action dieser Größenordnung so virtuos wie Miller, und auch, wenn die CGI-Nachbesserungen hier eine ganze Ecke sichtbarer und gelegentlich störender sind als in Fury Road, basiert die Action nach wie vor auf spektakulärer Stuntarbeit, praktischen Effekten und on-location Setpieces, wie sie nur ein Meister wie er koordinieren kann. Miller findet einige prägnante Bilder, die mir wohl noch lange im Kopf bleiben werden, wie etwa, wenn er das endgültige Schicksal von Dementus zeigt. Und auch, wenn erzählerisch wenig neues erschlossen wird, ist die Zuneigung zu den Figuren für jeden, der Fury Road gesehen hat, groß genug, investiert zu sein.

Aber es bleibt, selbst in seinen besten Momenten, Fury Road light. Die Mad-Max-Reihe hatte ihre Höhen und Tiefen — keiner der Vorgänger ist meiner Meinung nach ansatzweise auf dem Level von Fury Road —, aber bisher hatte jeder der Filme seine eigene Identität. Vielleicht liegt das gerade daran, dass diese Reihe nie wirklich geplant war, dass jeder neue Film immer irgendwie passiert ist: Miller hatte eigentlich kein Sequel zum originalen Mad Max geplant, aber Unzufriedenheit mit dem Ergebnis und die Chance, es mit deutlich höherem Budget noch einmal zu versuchen, führten zu Mad Max 2/The Road Warrior. Beyond Thunderdome entstand aus einer von Mad Max unabhängigen Idee Millers über einen Stamm aus Kindern in einer postapokalyptischen Welt. Und bevor Miller dann mit der Arbeit am Drehbuch zu Fury Road anfing, vergingen fast 20 Jahre, in denen er sich anderen Projekten außerhalb des Mad-Max-Universums widmete.

Furiosa ist das erste »geplante« Mad-Max-Sequel, und so fühlt er sich auch an: kalkuliert, durchgeplant, spürbar Ergebnis desselben kreativen Prozesses wie der Vorgänger — im Gegensatz zu den bisherigen Filmen, die alle ihre eigene Inspiration hatten, alle aus einem separaten kreativen Impuls heraus entstanden sind. Es ist kein schlechter Film, aber es ist eben einer, dem es an eigener Identität fehlt. Obwohl in mehrerem Sinne des Wortes episch angelegt, wirkt Furiosa wie der »kleinste« Film der Mad-Max-Reihe. Er füllt Lücken, aber er regt kaum die Fantasie an, und er entlässt uns nicht mit einem Bedürfnis nach »mehr«.



Date
May 24, 2024